Dienstag, 30. Oktober 2012

Halloween - Gewinnspiel: Gruseliges Gezwitscher Part No°4





„Lauf Kathi, lauf!“
Ich lief. Immer weiter. Immer schneller. Weiter. Schneller. Im rasenden Takt meines laut klopfenden Herzens. In jener ebenso bedrohlichen wie auch lang anhaltenden Stille.
Ein Zweig schlug mir ins Gesicht.
Dornen zerkratzten meine beiden Arme.
Ein Stein schnitt mir tief in den nackten Fuß.
Ich unterdrückte den Schrei, der mir die Kehle hochstieg, mir die Luft abschnürte.
Noch ein Stück. Nur noch zwei, drei Schritte.
„Er wird kommen. Er wird dich holen. Lauf…“
Die Worte hallten, einem Echo gleich, in meinem mit verschiedenen Gedanken und Gefühlen aufgewühlten Kopf wieder. Trieben mich an. Ließen mich fliehen. Bis die Dunkelheit um mich herum so undurchdringlich und niederdrückend wurde, dass ich zögernd und ungeschützt stehenbleiben musste. Verloren. Verfolgt. Verängstigt.
Jeder Muskel meines Körpers war zum Zerreißen gespannt, eine Kälte, welche stechend wie Eis durch meine Adern floss und mein Herz in der Brust gefrieren ließ. Jeden Zentimeter um und in mir eisern umklammert.
Ein Knacken. Knistern. Ein Flüstern.
„Schau mir ins Gesicht. Bitte … du musst mir helfen. Dreh dich zu mir um!“
Die letzten Worte der fremden Stimme zu einem gellenden Schrei erhoben. Ich presste meine Hände so fest auf die Ohren, dass es wehtat. Doch weder die klirrende Kälte, noch der Schmerz, oder dieser quälende Laut verloren sich in der Schwärze der Nacht, ließen mich seelisch und körperlich nicht los als ich mich, ohne es zu wollen, einem unbezwingbaren Druck folgend der Stimme zuwandte. Die schattenhafte Silhouette eines Mädchens hob sich messerscharf gegen das rote, in den Augen brennende Lodern ihrer Haare ab.
Ihr Haar brannte. Das Teufelsfeuer biss sich durch die dünnen, dunklen Strähnen, fraß und versengte die Haut darunter. Es war ein grausamer Anblick.
Während das Mädchen mit weitaufgerissenen Augen und wirrem Blick um sich sah, den Mund zu einem stummen Entsetzensschrei geöffnet, zu einer verzerrten Fratze verzogen, fiel ich -unfähig mich weiter aufrecht halten zu können- vor ihr auf die Knie und wandte den Blick ab.
Da war der beißende Geruch nach verbranntem Haar, verbrannter Haut.
Ich griff mir in das eigene Haar und spürte wie meine Fingerkuppen glühend heiß unter der Berührung verbrannt wurden. Die Asche zu meinen zerschundenen Füßen häufte sich, mehr und mehr. Ich schrie. Kreischte. Kratzte mit den hohlen Fingernägeln über die verkohlte Kopfhaut. Voller Panik. Voller Hilfslosigkeit. Hysterie. Angst.
Angst. Achtung. Augenblick. Aufschrei. Aggression. Argwohn. Augen auf …
Das verschüttete Kaffeepulver zu meinen Füßen häufte sich mehr und mehr. Ich schrie.
„Kathi? Alles in Ordnung bei dir?“, eine besorgte Stimme über mir, eine beruhigende Hand auf meiner Schulter. Ich zuckte unmerklich bei der Berührung zurück, schaute dennoch auf und kam zögernd zum Stehen. Ich kniff meine Augen zusammen um gegen die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne das Gesicht des Mannes erkennen zu können.  
Kurzes graues Haar. Hakennase. Schmale Lippen. Schwarzumrandete Brille. Falten. Dunkle Schatten unter den dunkelblauen Augen. – Diese Gesichtszüge waren mir vertraut. Ich kannte ihn, erkannte ihn.
„Kathi?“, fragte er stirnrunzelnd und musterte mich durchgehend von oben bis unten. Ich schüttelte nur sacht den Kopf. „Nein … ich meine ja. Doch, alles in Ordnung. Ich habe wohl noch ein wenig geträumt – Dad …“ Dieses letzte Wort klang fremd in meinem Mund. Was war hier bloß los? Hatte ich tatsächlich nur geträumt?
Mit zitternden Fingern kehrte ich den letzten Rest Kaffee zusammen und setzte mich zurück zu Dad an den Tisch. Er schlug die Tageszeitung auf und verschwand wie jeden Morgen hinter dem bedruckten Blatt. Der erhitzte Ofen brummte und kündigte mit dem Klingeln des Weckers die frischen Brötchen an. Der Tisch war bereits mit Tellern, Tassen, Butter und Marmelade gedeckt. Der süße Duft zog mir in die Nase. Alles hätte so sein können wie immer, wäre da nicht der Geruch nach verbranntem Haar.
Ich atmete tief durch und wartete darauf, dass sich mein Herzschlag wieder verlangsamte und ich innerlich ruhiger wurde.
Alles nur ein dummer Traum. Albtraum
Kein Grund zur Sorge.
Gerade als ich mich über den Tisch nach vorne beugte, und daraufhin beide Füße haltsuchend den kühlen Boden berührten, durchzuckte mich ein brennender Schmerz. Ich war nicht darauf vorbereitet und umfasste mit beiden Händen meine rechte Fußsohle. Blut sickerte zwischen meinen Fingern hindurch, lief ununterbrochen meine Handgelenke hinab, tropfte nieder und hinterließ rote Schlieren auf den weißen Küchenfließen. Ich keuchte vor Zweifel und Schmerz laut auf.
„Wirklich alles gut mit dir?“ Dads fragendes Gesicht tauchte hinter der Schlagzeile auf. Ich nickte stumm und presste dann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Hab mich nur an der heißen Milch verbrannt, ich … ich geh schnell kühlen.“ Ohne mich noch einmal herumzudrehen rannte ich überstürzt aus dem Zimmer. Hinaus auf den Flur. Geradeaus. Hoch. Die Treppe. Im zweiten Stockwerk die nächste Tür links. Alles verschwamm vor meinen tränenden Augen.
Im ersten Moment musste ich mich gegen die gläserne Duschkabinentür lehnen weil meine Gesamtsituation mir alle Sinne raubte, sich alles begann um die eigene Achse zu drehen. Darauf bedacht nur den linken Fuß zu belasten humpelte ich durch das Badezimmer und ließ mich auf den Klodeckel sinken. Mit bebenden Fingern fuhr ich über die langen, rotumrandeten Kratzern auf beiden Armen, berührte die offene Wunde unter meiner Fußsohle.
Nein.Nein.Nein.Nein.Nein!
Fiebrig krempelte ich die, am unteren Rand ausgefranzten und zerrissenen, Hosenbeine hoch.
NEIN
Meine Knie waren großflächig aufgeschürft. Die oberste Hautschicht weggerissen. Nicht ganz verheilt. Nicht allzu lange her …
Plötzlich fand ich keinen Halt mehr und brach auf den blutbefleckten, blauen Fließen zusammen. Ich schloss die Augen, umklammerte mit den Armen meinen verkrampften Körper, machte mich ganz klein und wippte im Rhythmus meines Herzens, vor und zurück, vor und zurück.
„Nein. Das kann nicht sein. Was ist hier los? HILFE!!“
Ich drückte mit aller Kraft, die ich noch aufbringen konnte, meine Fingernägel in die Handflächen. Tiefe Kerben blieben zurück. „Wach auf. Wach endlich auf.“
Ich konnte nicht sagen wie lange ich so gebrochen da lag, nicht darüber nachdenken. Ohne Regung. Ohne Gefühl. Für Raum und Zeit. Zeit – Sekunden. Minuten. Stunden?
„Kathi. Du musst mir helfen. Bitte … du bist meine letzte Chance.“, kaum mehr ein schwaches Wispern. Ich hatte diese Stimme schon einmal gehört. Ich kannte sie. Wollte sie nie mehr wahrnehmen. Von Panik ergriffen riss ich die Augen auf und kroch auf allen vieren über den gefliesten Fußboden. Weg. Raus. Hier raus. Schneller. Weiter. Sofort!!
Meine Augen huschten ruhelos über die weißen Anrichten. Das war unser Bad, unverkennbar, nur sah es irgendwie anders aus. Reiner, in besserer Verfassung und in gewisser Weise unbenutzter. Außerdem war vor den Fenstern statt der warmen Sonnenstrahlen nur massive Dunkelheit zu erkennen. Ich brachte das was ich sah mit der Stimme des Mädchens in Verbindung und augenblicklich spukten mir denkwürdige Gedanken im Kopf herum.
Mädchen. Feuer. Brennendes Haar. Früher. Vergangenheit.
NEIN
HILFE
„Erlöse mich. Befreie mich von dem Schmerz, der Qual.“ Die Stimme drang leise von einem zusammengekauerten, wunden Körper, in die dunkelste Ecke gedrückt, zu mir. Das Mädchen mit dem braunen Haar – brennendes Haar. Sie war bis auf die Knochen abgemagert. Die blasse Haut mit roten Striemen, blauen Flecken und blutenden Verletzungen versehen. Bei ihrem Anblick verlor ich völlig die Beherrschung und zog mich stöhnend an der Türklinke hoch. Ich rüttelte wie wild an dem Metall, doch sie ließ sich nicht öffnen. Ich schrie. Mit beiden Fäusten hämmerte ich gegen die verschlossene Tür. Schrie mir die Seele aus dem Leib.
„Sei still. Bitte, sei still. Er wird kommen“, flehte sie mich von purer Angst gelenkt an. Ich reagierte nicht. Mein einziger Gedanke: Raus. So schnell wie möglich hier raus …
„Halt den Mund, verdammt. Er wird es hören, wird uns finden, Schmerzen zufügen!“, schrie sie.
Und ich hielt schlagartig inne.
Schwere, sich nähernde Schritte kamen die Treppe hinauf.

WUM

Mein Herz setzte in dem Bruchteil einer Sekunde aus.

WUM

Langsam ließ ich die erhobenen Hände sinken.

WUM

Ein Schritt zurück. Zwei.

WUM

Nur ein Ziel. Drei zurück. Abstand zwischen mich und den zu bringen, der jeden Augenblick die Tür erreichen wird.

WUM   

Das Mädchen stieß ein Wimmern aus und vergrub ihr tränennasses Gesicht in den Händen.
„Er kommt. Er kommt …“

WUM

Vier Schritte zurück. Fünf.

STILLE

Mein Rücken stieß an die kalte Wand.

KLIRR     

Das Drehen eines Schlüssels im Schloss.
Das Aufstoßen der Tür.

WUM

Ich bekam keine Luft. Eiskalter Schweiß rann mir die Schläfen hinab.

WUM

Kurzes graues Haar. Hakennase. Schmale Lippen. Schwarzumrandete Brille. Falten. Dunkle Schatten unter den dunkelblauen Augen. – Diese Gesichtszüge waren mir vertraut. Ich kannte ihn, erkannte ihn.

WUM

Er blieb vor der kleinen, zusammengesunkenen Gestalt in der Ecke stehen. Und als er ihr Haar brutal packte, daran riss, somit das gesamte Körpergewicht in die Mitte des Raumes zog, fühlte ich mich eins mit ihrem Körper. Es waren dieselben Worte, die wir sprachen, der gleiche Mann, den wir über uns sahen. „Dad …“, erstickte, zitternde Stimme. Seine Antwort war hart und kalt – gefühlskalt: „Das bin ich nicht, nicht für dich. Nehm dieses Wort nicht in deinen dreckigen, kleinen Mund!“
Seine flache Handfläche traf uns hart im Gesicht. Der Kopf flog ungehindert zur Seite und schlug mit einem lauten Knall auf der Erde auf. Ich schrie. Er trat weiter auf mich ein. Kopf. Brust. Arme. Beine. Ich schrie.
„Ich werde dir Schmerz zufügen. Schmerz. Ich will dich leiden sehen. Ich will dich schreien hören, wie du es bei deiner Mutter getan hast.“
Mit irrem Blick holte er ein Feuerzeug hervor und hielt die Strähnen meines verfilzten Haares an die heiße Flamme. Ich schlug verzweifelt um mich, trat, schrie, wand mich auf dem Boden.
„Es tut mir leid, so leid. Aber du hast es nicht anders verdient, Marlene.“
Meinen Namen spuckte er mir ins Gesicht.
Ich konnte die Silben kaum noch durch das Knistern und Lodern des Feuers verstehen, bevor ich in Rauch und unerträglicher Hitze das Bewusstsein verlor.
Das letzte was ich sah, sich in meiner Seele einbrannte wie die beißenden Flammen selbst war der Ausdruck auf dem Gesicht meines Dads.
Hass. Das einzige was sich in seinem Gesicht wiederspiegelte. Nichts als purer, abgrundtiefer Hass. 

Als ich erneut zu mir kam, war der Horror vorbei. Ich lehnte an der gefliesten, zur Tür gegenüberliegenden Wand und tastete vergeblich nach Wunden und Verbrennungen an Haut und Haar. Erleichtert beugte ich mich über das Waschbecken, ließ mir eiskaltes Wasser über das Gesicht laufen. Dieser Albtraum war so absurd, dass ich mir immer noch nicht richtig sicher war, was ich glauben sollte, glauben konnte.
Ich stellte das Wasser ab und betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Schmales Gesicht. Blasse Haut. Dunkelblaue Augen. Braunes Haar …
Ich strich mir mit der Fingerkuppe über die Wange. Die Ähnlichkeit zu dem Mädchen unverwechselbar. Marlene.
Gerade als ich das Bad verlassen wollte, zog mir der Geruch nach verbranntem Haar in die Nase und aus dem Augenwinkel konnte ich deutlich einen unförmigen, dunklen Umriss in der Ecke erkennen. Kopfschüttelnd  richtete ich den Blick geradeaus und ließ die Tür hinter mir vernehmlich laut ins Schloss fallen. Aussichtslos darum bemüht keinen einzigen Gedanken mehr an diese Gruselgeschichte zu verschwenden, lief ich die Treppe hinab und setzte mich zurück an den Frühstückstisch. Die Tageszeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Ein großer Artikel unter einem Pressefoto wurde hinausgeschnitten. Mein Blick glitt über die gezackte Schnittlinie zu dem Mädchen, welches das Foto zeigte. Marlene. Ich zwang mich fürs Erste ruhig zu bleiben, um nicht wieder vollkommen die Nerven zu verlieren, was mir allerdings sehr viel an Kraft und Selbstbeherrschung abverlangte.
Daneben ein Foto, welches den Ausschnitt einer abgesperrten Waldlichtung zeigte in deren Mitte eine stark verkohlte Brandleiche lag. Ich musste schlucken. Da gab es scheinbar einen Zusammenhang zwischen einem ungeklärten Mordfall eines Mädchens namens Marlene, der nun aufgetauchten Brandleiche und … meinem Dad. Ein plötzliches Geräusch verschaffte mir gerade die Sekunden, die ich brauchte um mich wieder an meinem Stuhl zurück zu lehnen, als auch schon Dad die Küche betrat. Er wirkte mit einem Mal unglaublich angespannt und unruhig, während er mir gegenüber platznahm und etwas neben die Zeitung legte. Ich reckte mich ein wenig, um den Gegenstand besser sehen zu können. Eine schwarze Schere. Mein Herz begann mir hart gegen die Rippen zu schlagen. Kann das sein? Mein Dad als Mörder eines unschuldigen Mädchens? Zeitungsartikel über jenen zurückliegenden Fall ausschneidend und sammelnd …
Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, sah ihn nur an und fragte mich unausgesprochen ob ich meinem Herzen oder meinem Verstand folgen sollte. Marlene oder ihm. Das was ich in surrealen Vergangenheits“träumen“ sah oder das was zur Zeit offen auf der Hand lag. Ich konnte ihm nichts nachweisen und vielleicht reagierte ich auch einfach nur über.

In jener Nacht am selben Tag dieser ganzen mit einander verbundenen, bizarren Ereignisse erinnerte ich mich an das Pressefoto, an Marlene, ihr verbranntes Haar, verkohlter Körper.
„Du bist die Einzige, die mir Frieden geben kann. Ich bitte dich, flehe dich an.“
Ruckartig richtete ich mich in meinem Bett auf.
„Marlene?“, flüsterte ich.
„Kathi, hör zu. Diese Familie hütet ein grausames Geheimnis. Eine zerrissene, gebrochene Familie.“
Vorsichtig kletterte ich von der Matratze und schlich hinaus auf den pechschwarzen Gang, welcher von meinem Zimmer zur Treppe führte. Marlenes Stimme führte mich durch die Nacht.
„Es ist so viel Schmerz über die Familie gekommen seitdem ich geboren wurde … so viel passiert nach meinem Tod.“
Es war als würden mich und Marlene unsichtbare Fäden verbinden, welche mich vorwärts zogen und mir den Weg die Treppe hinauf ins Badezimmer wiesen.
„Solange mich der Mörder nicht freigibt, selbst mich nach meinem Tod nicht dem Jenseits überlassen kann, meine Seele bei sich gefangen hält, muss ich den Schmerz bis heute ertragen. Körperlos. Seelenlos. Und doch bin ich hier und finde nicht meinen Frieden …“ 
Ich schloss leise die Tür hinter mir und wagte es mir licht zu machen. Ich kniete nieder und tastete mit den Händen nach einer minimal tiefer im Boden liegenden Fliese. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht wirklich meine Hände waren die da suchten. Marlene gab mir die Impulse.
„Du musst meinen Mörder finden. Kathi, du bist die Einzige, die Einzige die mich retten kann.“
Mit Marlenes Worten im Hintergrund schob ich die Fliese zur Seite und legte somit einen kleinen, Kellerraum frei. Kaum hoch genug für eine Holzleiter, die hinab ins Innere führte, und um aufrecht stehen zu können. Die gedämpften Strahlen von der Badezimmerdecke warfen gerade so viel Licht hinein, dass man die über drei Ecken sich erstreckende Pinnwand im Halbdunklen erkennen konnte.
Da hingen neben Zeitungsartikeln, auch zahlreiche zusammengesuchte Fotos sowie eine große Karte der Stadt mit angrenzendem Wald, auf der einige rote Punkte markiert worden waren.
Ich trat näher heran um die Texte überfliegen zu können.

Oktober, 1985
Familiendrama im Kreißsaal                        
Mutter stirbt. Tochter überlebt. Was wird aus dem Vater?

…die Frage ist nicht, kann, sondern wird es psychische Folgen für Vater & Tochter geben…


Oktober, 1995
10-jährige Marlene vermisst
Familiendrama von 1975 setzt sich fort
Vater – Täter oder Zeuge?

Juni, 2012
Brandleiche des Mädchens erst nach knapp 30 Jahren gefunden
Des Vaters neues Leben mit anderer Frau und Kind

Familiendrama dauert über Jahre an, wie wird es weiter gehen …

Ich hatte von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, immer mehr das Gefühl bekommen, dass ich in dieser Sache mit drin hing. Was verschwieg mein Dad mir? Gab es vor mir noch ein anderes Mädchen … Marlene, seine Tochter? Und was ist mit der Brandleiche?

WUM

Schwere Schritte auf der Treppe ließen mein Blut in den Adern gefrieren.

WUM

Ich war wie angewurzelt. Stand erstarrt, ohne Regung, ohne Gedanken.

WUM

Da war nichts. Mein Inneres war vollkommen leer.

KRACH

Ich schlage mit laut klopfendem Herzen die Seiten zu.
Oh Mann. Wie ich diesen ganzen Thriller – Horror – Grusel Kram eigentlich hasse.
Aber ab und zu braucht man einfach diesen Kick … vor allem, wenn Halloween naht, oder nicht?
Zum Glück kann man Bücher immer dann zuschlagen, wenn es einem passt. (wenn ich es mir recht überlege will ich auch gar nicht wissen, wer da genau die Treppe jetzt hochgepoltert kommt…)
Zum Glück ist es ja nur eine Geschichte.
Wäre da nur nicht der beißende Geruch nach verbranntem Haar …


 Gruseliges Gezwitscher No°8

(wieder mal als pdf :))




 Gruseliges Gezwitscher No°9

Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte. Es war einmal ein Mädchen. Kein normales Mädchen. Nein, sie hatte pechschwarze Haare, mit schwarzen Augen und ebenso dunklen Lippen.
Sie gehörte nirgendwo dazu. Niemand kannte sie und niemand sah sie.
Denn keiner wollte sie sehen. Dies war eine Eigenschaft der Menschen, die sie schätzte. Wenn sie etwas nicht bemerken wollten, dann taten sie es nicht. Umso besser für das Mädchen. Ihr Name war übrigens Eve.
Eve war neun. Zumindest sah sie wie neun aus. Ihr richtiges Alter? Das weiß ich nicht. Sie wollte es nie sagen, aber vielleicht wusste sie es nur selbst nicht. Aber ihr Alter ist irrelevant. Das Wichtige war ihre Herkunft. Eve entstand aus Hass. Ja, aus blankem Hass der Menschen.
Natürlich gab es nicht nur Eve. Das wäre lächerlich. Der ganze Hass der Welt würde niemals in dieses Mädchen passen. Aber Eve war eine von ihnen. Sie gehörte zu den Kindern. Diese Kinder bestehen aus Hass und nehmen ihn den Menschen ab. Warum sie das tun? Die Kinder wollen helfen. Ihr größter Wunsch war und ist es zu helfen. Viele von ihnen sind im Teenager Alter. Die überraschte mich. Ich dachte immer Teenager kümmern sich nicht um die Welt. Nur um sich. Wollen Spaß haben. Aber das stimmt nicht komplett. Zwischen ihnen sind einzelne Kinder, die den Wunsch haben etwas  zu verändern. Wenn ihr Wunsch groß genug ist und sie ihn innerlich hinausschreien, dann sind sie bereit eins von ihnen zu werden. Eve war schon sehr jung bereit dazu. Über ihre Vergangenheit weiß ich nichts, aber sie wird nicht rosig gewesen sein.
Als ich Eve zum ersten Mal sah, lebte sie am Strand. Wie sich herausstellte, sollte ich gar nicht in der Lage gewesen sein, den Strand zu sehen.  Auch er war schwarz. Das Meer bewegte sich nicht. Es war einfach da. Und auch ich war nur da. Ich stand wie in einer Tür. Zu meiner Linken, die Sonne, das blaue Meer und die herumtobenden Kinder. Zu meiner Rechten, eine schwarze Welt.
Ob meine Entscheidung besonders schlau war, die rechte Seite zu wählen? Ich weiß es nicht.
Aber als ich dieses in Dunkel gehüllte Kind sah, was in der Tür eines Hauses stand, da wusste ich, ich musste herausfinden, was es war. Was sie war. Und das habe ich auch.
Mein einziges Problem war nur, dass Kinder die aus Hass bestehen, nicht mit Liebe gefüllt sind. Zu Beginn war Eve normal. Sobald die Sonne unterging (und ja, es konnte anscheinend noch dunkler werden) war sie dies nicht mehr. So schlau, dies rechtzeitig zu bemerken war ich nicht. Natürlich nicht. Jetzt dürft ihr alle einmal mit dem Kopf gegen die Wand schlagen und ich erzähle weiter was dann passierte.
Alles wurde stockfinster. Plötzlich leuchteten vor mir zwei Lampen auf. Wie schön es wäre, wenn es wirklich Lampen gewesen wären. Es waren Augen. Eves Augen. Die kleine stand einfach vor mir, blickte mich mit roten Augen an.
Ich bewegte mich nicht, konnte es gar nicht. Naja, als Eve anfing zu wachsen und zu einem riesen Monster zu mutieren, fing ich doch an zu rennen.
Ich rannte hinaus. Draußen war es dunkel und kalt. Ein Sturm tobte, aber das machte mir nichts aus. Ich rannte aus dem Haus und zog meinen Mantel fest an mich. Meine schwarzen Haare flogen mir ins Gesicht und verdeckten mir die Sicht. Ganz genau. Schwarze Haare! Ich hatte keine schwarzen Haare. Meine Haare waren schon immer rot gewesen. Aber mit einem Monster im Rücken, blieb mir nicht viel Zeit zu überlegen. Es hatte zu regnen angefangen. Ich hörte das Dröhnen eines Donnerschlags und erschrak ein wenig. Es blitzte, was es mir ermöglichte einen Teil des sandigen Weges zu sehen. Nur war dort kein Weg. Ich rannte geradewegs auf eine Schlucht zu. Mit meinem Glück, war es zu spät zum Umkehren. Hinter mir sah ich bereits den riesigen Umriss Eves.
Ich stand genau an der Kante zur Schlucht. Etwas in mir, schrie ich solle springen und mich nicht von einem Monster fressen lassen. Ich hörte auf diesen Schrei und sprang.

Ob Eve wirklich existierte? Ich weiß es nicht. Ob die Kinder existieren? Keine Ahnung.

Aber es gibt eine Sache, die weiß ich ganz sicher. Ich bin nicht mehr am Leben. Der Sprung kostete mir mein Leben.

Der Sprung wurde als Selbstmord erklärt. Man sagte ich war zu deprimiert. Hatte zu viel Hass in mir.
Ich denke das Monster war mein Hass. Und ich bin diesem Monster entkommen.
 


 


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