Freitag, 26. Oktober 2012

Halloween - Gewinnspiel: Gruseliges Gezwitscher Part 1

Anlässlich meines Halloween Gewinnspiels, werde ich nun bis Halloween jeden Tag zwei der von euch eingesandten "Grusel - Stories" hier veröffentlichen. Natürlich mit Einverständnis der Autoren. Am Ende könnt ihr dann für die beste Geschichte abstimmen. Derjenige bekommt dann den 10€ - Amazon Gutschein. Zusätzlich sind natürlich alle Kreativen und Unkreativen (die keine Geschichte eingesandt haben ;D) in einem Lostopf für die drei Bücher. Da mir einige (fast alle >.<) nicht dazu geschrieben haben, welches Buch sie haben möchten, werde ich diese Leute dann möglichst gleichmäßig auf die drei Hexenkessel aufteilen.
Ansonsten bitte noch flott dazu schreiben, wofür ihr ausgelost werden wollt :)


Und hier kommen dann auch schon die zwei Geschichten für heute (ohne Namen, den gebe ich nach der Auslosung bekannt ;))!




Gruseliges Gezwitscher No°1

 Herz aus Nacht

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Aber zunächst solltet ihr sicher gehen, dass ihr dies in einem hell erleuchteten Zimmer und bei Tage lest. Dass die Fenster weit geöffnet sind und die Vögel draußen zwitschern. Und vor allem anderen sollte jemand in den Nähe sein, der euch helfen könnte zu entkommen. Der euch davor bewahren könnte  ihr zu begegnen.
Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens namens Amy, das vermutlich genau wie ihr jetzt auch, der Meinung war, dass Geschichten einfach dies sind: Geschichten. Dass es nichts weiter ist als Tinte und Papier. Und Amy liebte Geschichten. Für sie war es eine Möglichkeit sich in düstere Abenteuer voller dunkler Gestalten zu stürzen ohne sich in Gefahr zu bringen. Bis zu dem Tag, als sie das Buch fand. Ein Buch, das ihr Leben für immer verändern sollte…
Es war Halloween,  „Die Nacht des Grauens“ und Amy durchwühlte wieder einmal das Dachgeschoss auf der Suche nach guten Schauerromanen, die sie noch nicht verschlungen hatte. Ihre Familie lebte auf einem großen Anwesen, das schon lange im Besitz ihrer Vorfahren war und zu Amys Glück hatten diese Vorfahren denselben Geschmack wie sie. Daher stapelten sich dort Bücher über Geister und Zombies und Vampire, die des nachts kamen um die Menschen zu holen. Man könnte meinen, dass sie sich dort oben im dämmrigen Licht der hereinbrechenden Nacht, in einem Raum voller Spinnweben und Staub fürchten würde, aber die Wahrheit über solch alte Gebäude ist nun mal, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt. Und da Amy schon ihr ganzes Leben hier verbracht hatte, übte der Dachboden rein gar nichts Bedrohliches auf sie aus. Wie sollte sie sich auch fürchten, wenn neben ihr in einer riesigen Kiste die Quitscheentensammlung ihres Großvaters vor sich hin schimmelte? Amy öffnete eine der Bücherkisten und Staub wirbelte ihr in die Nase. Sie nieste ein paar mal und strich dann mit den Fingern über die Buchrücken. Es war dieser Moment, der alles veränderte. Der Moment, als sie „Herz aus Nacht“ zum ersten Mal berührte. Ein Prickeln schoss durch ihre Finger, als habe das Buch ihr einen elektrischen Schlag versetzt. Sie stutzte und zog es dann unter einer alten Ausgabe von Edgar Allen Poes Kurzgeschichten hervor. Pechschwarz war das Buch, selbst die Seiten waren von außen schwarz gefärbt. Was Amy zuallererst als merkwürdig auffiel, das waren die schneeweißen Seiten. Alle Bücher in dieser Kiste waren alt und die Seiten deshalb auch völlig vergilbt. Nicht so aber „Herz aus Nacht“. Neugierig drehte sie das Buch um und starrte wie gebannt auf das Cover. Ein rubinrotes Herz, nicht die Sorte, die sich kleine Mädchen in ihre Hefte kritzelten, sondern ein menschliches Herz von dem Blut tropfte. Amy grinste. Das war nach ihrem Geschmack. Sie drehte das Buch um, suchte auf der Rückseite aber vergeblich nach einer Kurzbeschreibung. Noch einmal strich sie mit den Fingern über das Cover. Und da geschah es. Ein Ruck ging durch die Luft, der Wind stieß das Dachfenster auf und Amy glaubte für einen kurzen, schreckerfüllten Moment, sie habe das Herz auf dem Cover schlagen gesehen. Mit zitternden Fingern berührte sie es noch einmal, aber nichts geschah. Vermutlich hatte sie sich das nur eingebildet. Aber als sie das Fenster des Dachbodens schloss und mit dem Buch in der Hand die Treppe hinabstieg, war zum ersten Mal in ihrem Leben erleichtert den düsteren Ort hinter sich lassen zu können.
In ihrem Zimmer angekommen warf sie sich aufs Bett und blickte einen kurzen Moment hinaus in die Dämmerung. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf, die das Unwetter ankündigten, dass in der Nacht über die Stadt hereinbrechen sollte. Amy seufzte, zog die Vorhänge vor ihrem Fenster zu und schmiss sich aufs Bett. Eine Nacht voller Abenteuer stand ihr bevor und sie konnte sich nichts besseres vorstellen als sich in ihre Decken zu kuscheln und in den Seiten eines Romanes zu blättern. Und so begann sie zu lesen.



„Herz aus Nacht
Von Anonym

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Aber zunächst solltet ihr sicher gehen, dass ihr dies in einem hell erleuchteten Zimmer und bei Tage lest. Dass die Fenster weit geöffnet sind und die Vögel draußen zwitschern. Und vor allem anderen sollte jemand in den Nähe sein, der euch helfen könnte zu entkommen. Der euch davor bewahren könnte  ihr zu begegnen.
Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Name nie bekannt geworden ist und doch weiß jeder, wer sie ist: Die Dunkle. Haare so schwarz wie die Nacht, Augen so dunkel wie die Tiefen des Meeres und eine Haut so weiß wie Schnee. Es gibt tausende Gerüchte um die Dunkle, aber nur wenige entsprechen tatsächlich der Wahrheit. Ich möchte euch heute die wahre Geschichte darüber erzählen wie aus einem unschuldigen Mädchen eine Mörderin wurde…“

Es war einer der Romane bei dem man begann bei jedem noch so kleinen Geräusch aufzuschrecken. Bei dem man sekundenlang in die Stille des Zimmers starrt, in der Erwartung, dass dort plötzlich jemand steht, nur um sich einzugestehen, dass man sich Dinge einbildet. Der Autor erzählte von der Kindheit der Dunklen. Als jüngste von sieben Schwestern geboren, wurde die Dunkle lange Zeit verhätschelt. Bis zu jenem Tag an dem man sie entführte. Ihre Familie war wohlhabend, ihre Eltern beide Doktoren, und auch ihre Großeltern hatten einiges an Vermögen, das es zu vererben galt. Und so packte ein junger Mann eines Tages die Gelegenheit beim Schopf und entführte sie aus dem Internat, das sie zu dem Zeitpunkt besuchte. Amy konnte die Grässlichkeiten, die der Mann der Kleinen angetan hatte, kaum fassen. Sie fragte sich für einen Moment, was für ein Mensch sich so etwas Schreckliches und Trauriges ausdenken konnte, wurde dann aber wieder in die Geschichte gerissen. Der Erpresser erhielt zwar das Lösegeld, aber er hatte sich bereits so sehr an die Quälereien und an die Macht gewöhnt, dass er die Dunkle trotzdem nicht frei ließ. Was er stattdessen tat, war so grausam, dass Amy spürte wie ihre Wangen feucht wurden. Er zwang die Dunkle Tierherzen zu essen, erzählte ihr, sie hätten Menschen gehört  und, dass sie nur so deren Seelen vor der Hölle retten könne. Mit jedem Tag zog sich die Dunkle mehr in sich zurück, mit jedem Tag verlor sie ihren Lebenswillen und mit jedem Tag hasste sie ihren Entführer mehr als alles andere auf der Welt.
An dieser Stelle erhellte ein Blitz Amys Zimmer und sie fuhr erschrocken hoch. Die Anzeige auf ihrem Wecker sagte ihr, dass es bereits 22 Uhr war. Verdammt! Sie hatte schon über drei Stunden gelesen und dabei wollte sie eigentlich noch duschen gehen, weil sie morgens früh in die Schule musste. Sie schwang sich aus dem Bett und hastete ins Badezimmer.
Dampfschwaden beschlugen die Spiegelwände als Amy aus der Dusche stieg. Sie rubbelte sich über die Haut, die in dem dämmrigen Licht seltsam blass wirkte und wischte dann über den Spiegel um sich die Haare ordentlich hochbinden zu können. Mit einem lauten Klatschen fiel ihr die Bürste aus der Hand. Hinter ihr im Spiegel erblickte sie eine kleine Gestalt. Hektisch schloss sie die Augen und betete darum, dass die Gestalt verschwunden sein möge, wenn sie sie wieder öffnete. Und tatsächlich, da war nichts. Es war als würde ein riesiges Gewicht von ihren Schultern geladen und doch ließ sie die Haare einfach offen und vermied es noch einmal in den Spiegel zu schauen. Sie drehte sich auch nicht um, sondern verließ hastig das Zimmer.
Wieder im Bett setzte sie die Geschichte der Dunklen fort. Wie Amy das erwartet hatte, ergab sich für das Mädchen, das mittlerweile zwölf Jahre alt war, die Möglichkeit ihrem Entführer zu entkommen. Er wurde fahrlässig, weil er sich so sehr daran gewöhnt hatte, Herr über die Situation zu sein. Die Tür zum Keller, in dem er die Dunkle eingesperrt hatte, ließ er eines Tages offen. Und die Dunkle nutzte diese Gelegenheit aus. Nun könnte man meinen, dass sie das Haus, das für sie Leid und Schmerz bedeutete einfach verließ, aber das Mädchen war nun einmal nicht mehr normal. Sie blieb, sie versteckte sich und wartete. Als ihr Entführer nichtsahnend nach Hause kam erstach sie ihn von hinten mit einem Küchenmesser. Und weil sie Angst davor hatte, dass jemand sein Herz essen und damit seine Seele retten würde, schnitt sie es ihm heraus und warf es in den Brunnen hinter dem Haus.
Amy stutze. Sie hatte das Buch gerade einmal zu drei Vierteln gelesen und konnte sich schwer vorstellen, womit der Autor das letzte Viertel noch füllen möge. Verwirrt las sie weiter. Die Dunkle tat natürlich das, was jedes Kind getan hätte, sie versuchte ihre Familie zu finden. Sie alle wurden wiedervereint und für eine Zeit lang war die Dunkle wieder glücklich. Doch dann entdeckte sie die Sünden, die sie umgaben. Dass ihre Mutter die Nachbarn belog, wenn sie fragten, was mit ihrer Tochter geschehen sei. Dass ihre großen Schwestern sich schubsten und beschimpften. Dass ihr Vater zu viel Alkohol trank. Und sie fasste einen Beschluss. Sie würde sie alle vor der Hölle bewahren. Drei Tage später fand man die Leichen der Familie in ihren Betten. Sie alle waren mit einem Küchenmesser erstochen worden und bei ihnen allen fehlte das Herz… Und kein Mensch wusste, was aus der Kleinen geworden war, die die Familie doch gerade erst wiedergefunden hatte.
Amy schauderte. Sie stellte erschrocken fest, dass sie trotz der dicken Decke und trotz der warmen Luft im Zimmer eine Gänsehaut hatte. Ihr Blick fiel auf ihre Kommode. Vielleicht war sie ja krank. Das würde auch erklären, warum sie im Badezimmer so blass gewesen war und, falls sie schlimmes Fieber hatte… Nun ja, man bekam sehr lebhafte Träume, vielleicht sah man ja auch Dinge, die gar nicht da waren?! Sie schlug die Decken zurück und wühlte in der Kommode. Als ihr Blick kurz in den Spiegel fiel, der darüber hing, stockte ihr erneut der Atem. Hinter ihr im Raum stand klar und deutlich ein junges Mädchen. Ein junges Mädchen mit pechschwarzem Haar und strahlend heller Haut. Der Kopf war nach vorn geneigt, deshalb konnte sie das Gesicht nicht erkennen, aber ihre Angst schnürte ihr die Kehle zu und ihr Herz raste in ihrer Brust. Jetzt bloß nicht in Panik geraten!, dachte sie bei sich. Sie schloss wieder die Augen und als sie sie öffnete war das Mädchen verschwunden. Erleichterung machte sich in ihr breit, doch dann bemerkte sie mit Entsetzen ihr eigenes Spiegelbild. Ihr sonst hellbraunes Haar sah dunkler aus, fast schon schwarz, ihre Haut noch blasser als im Bad und ihre Augen! Sie hatte grüne Augen! GRÜNE! Wieso sah es im Spiegel so aus als seien sie blau. Amys Blick wanderte zu dem Buch und sie schüttelte den Kopf als könne sie die Gedanken so verdrängen. Sie musste es zu Ende lesen, sie musste einfach!
Der Wecker auf der Uhr zeigte 23:40 als sich Amy den letzten paar Seiten widmete. Die Dunkle war geflohen, sie hätte gern ihr eigenes Herz gegessen um ihrer Familie zu folgen, aber dass das unmöglich war, das wusste sie. Doch sie hatte eine seltsame Entdeckung gemacht. Wenn sie einem anderen Menschen ihre Geschichte erzählte, dann öffnete sich das Herz dieser Person für sie und die Dunkle… Sie schlüpfte einfach hinein. Sie übernahm ein junges Mädchen, das sie dazu brachte erst ihr eigenes Herz und dann das Herz der Familie des Mädchens zu essen.
„Doch auch das brachte sie nicht in den Himmel zu ihren Eltern und ihren Schwestern also zog sie weiter und weiter… Und das tut sie noch heute. ENDE“
Amy saß kerzengerade in ihrem Bett. Sie starrte auf die Vorhänge in ihrem Zimmer. Hinter einem von ihnen bewegte sich etwas. Und dann trat die Dunkle hervor. Ihr Gesicht war kalkweiß, aber um ihren Mund glänzte es gleißend rot. Blut, schoss es Amy durch den Kopf. Sie fuhr hektisch über die Decken auf der Suche nach etwas, irgendetwas um sich zu verteidigen. Aber sie ahnte schon, dass das alles nichts nützen würde. Sie hatte der Dunklen ihr Herz geöffnet. Es gab kein Zurück. Ein Lächeln breitete sich auf dem rundlichen Gesicht des Mädchens aus, dann sprach sie mit kindlicher Stimmt. „Ich bin gekommen um dir zu helfen.“
Die Vögel zwitscherten im Garten, als Amys Mutter am nächsten Morgen den Tisch deckte. Ihr Mann stand an der Spüle und pfiff fröhlich vor sich hin. Sie lächelte, schlich sich von hinten an ihn heran und schnappte flink die Cornflakes Packung aus dem Regal. Ihr Mann hatte das nicht bemerkt und griff daher ins Leere. Verdutzt kratzte er sich am Kopf.
„Schatz, weißt du zufällig, wo die Packung mit den Haferflocken hingekommen ist?“ Sie versucht das Lachen zu unterdrücken, das in ihr aufstieg. „Nein. Keine Ahnung, wo die abgeblieben sein könnte…“
„Mami.“ Sagte da eine Stimme hinter ihnen. Sie wirbelte herum. Amy stand an der Treppe. Doch sie sah anders aus. Das Haar war pechschwarz und die Haut leichenblass.
„Amy Schatz, gehst du heute auf eine Halloween Party? Du siehst ja zum Fürchten aus!“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob der letzte Teil nur im Spaß gewesen war, oder ob sie es ernst meinte. Amy sah nicht nur anders aus, es lag auch etwas völlig Fremdes in ihrem Blick.
„Mami, du warst böse.“ Sagte Amy leise.
„Ok, jetzt ist es aber gut, der Spaß ist vorbei, ich zittere ja schon vor Angst.“ Sie versuchte ein Lachen, aber es gelang ihr nicht und hing nur auf schaurige Art und Weise in der Luft zwischen ihnen.
„Du hast Vati belogen, du kommst in die Hölle.“
„Du meinst die Cornflakes? Das war doch nur Spaß, Schatz.“ Amys Vater legte ihr den Arm um die Schulter.
„Amy scheint dich aber gut dranzukriegen sagte er mit einem Grinsen im Gesicht, bei dem sie sich gleich besser fühlte. Doch dann sah sie das Messer in der Hand ihrer Tochter und den Ausdruck in ihrem Gesicht.
„Mein Name ist nicht Amy.“




Stille


Eine Dose schepperte über den grauen, von Blättern übersäten Asphalt. Die losen Blätter raschelten. Ein Windstoß zischte durch die kahlen Bäume und ließ ihre knochenartigen Äste schwanken.
Ein Knacken, dann ein Donnern vom Ende der Straße. Dazu immer das laute Pochen meines Herzen. Ein Schleifen, wie von einem Schlitten, der über die raue Straße gezogen wurde. Und dann...
Stille.
Vollkommene Stille.
Zu still...
Neben mir raschelte das Gebüsch und ich zuckte heftig zusammen und hätte beinah angefangen wie eine Irre zu kreischen. Dann stoben drei rauchschwarze Krähen aus dem Gebüsch und hätten mich fast über den Haufen geflogen.
Ich sah die eine Krähe direkt auf mein Gesicht zusteuern. Ihr scharfer Schnabel direkt auf mein Gesicht gerichtet, doch im Letzten Moment duckte ich mich beiseite und nur ein Flügel streifte mein Wange. Meine Haare flogen in dem entstandenen Flug Wind dahin. Ganz langsam, wie in Zeitlupe.
Und dann wieder diese Stille.
Und dann fing es an: Zuerst ganz leise. Dann immer lauter. Und plötzlich direkt neben mir. Ich drehe mich im Kreis, fand die Lärmquelle jedoch nicht. Das metallische Kreischen brachte mein Trommelfell fast zum bersten. Und plötzlich war es wieder verschwunden. Von einem Moment auf den anderen – vollkommen weg.
Ein Blitz durchzuckte den schwarzen Himmel, hell, blendend. Ich hörte, wie er entfernt in den Bergen einschlug. Dann folge ein Rumpeln und Poltern und ich sah, wie sich ein Teil des Berges löste und den Hang hinunter raste. Weit weg. Die Lawine würde mir nicht gefährlich werden. Dann folgte das laute Donnern des Donners. Das Gewitter war noch weit weg.
Ich drehte mich um, eine dicke Regenwand kam auf mich zu. Vielleicht 200 Meter entfernt. Der Asphalt glitzerte dort bereits nass. Und ganz, ganz leise konnte ich im Regen bereits das herankommen hunderter Pfoten hören. Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter und ich konnte mich nicht mehr bewegen, als einer der Leiber einen Schatten in der Regenwand warf.
Es war da, und es war nicht allein gekommen.
Und das bedeutet nur eins: Ich...

Okay! Halt! Stopp, STOP!!!
Es ist vielleicht an der Zeit, dass ich die ganze Geschichte erzählen sollte.

1 Stunde zuvor: Ich saß gerade auf dem Klo und schämte mich schon mal im Voraus zu Tode, da mich meine dumme Mutter dazu verdonnert hatte meinen noch dümmeren kleineren Bruder zu Halloween zu begleiten. Okaaay, so genau wollen wir auf die Klogeschichte vielleicht doch nicht eingehen.

40 Minuten zuvor:  Also fangen wir besser hier an: Das Haus war dekoriert mit lauter orangen Kürbissen, in die jemand echt hässliche Fratzen hinein geschnitten hatte. Absolut gewöhnlich. Hätte man meinen können.
Das Haus war groß und die weiße Farbe blätterte bereits ab. Der gelbe Rasen war voller Maulwurfhügel und auf der Veranda stand so ein alter Schaukelstuhl. Auf dem Tisch daneben hatte jemand eine Wasserflasche und ein Glas abgestellt. Fast so, als hätte dort vor ein paar Momenten noch jemand gesessen und wäre nur mal schnell sein Strickzeug holen gegangen. Das Einzige, was das idyllische Bild eines wunderschönen Herbsttages mitten in einer Vorstadt trübte war das Blut.
Rot, frisch, glänzend.
Eine ganze Menge Blut.
Okay, Leo, bleibt ruhig. Ermahnte ich mich. Das ist nur Kunstblut. Hey, es ist Halloween!
Dennoch fand ich das ganze doch recht suspekt. Mein kleiner Bruder krallte sich in meiner Jacke fest.
„Leonie“, wisperte er. „Lass uns gehen, ja? Bitte lass uns gehen. Ich finde es hier gruselig.“
Ich machte ein paar Schritte rückwärts. Von dem Haus weg. Mein kleiner Bruder hatte genau meine Gedanken ausgesprochen. Hier stimmte etwas nicht. Ganz und gar nicht.
Okay, denk nicht weiter daran. Dein Bruder will heim, also bring ihn nach Hause. Wenn du Glück hast schaffst du es dann noch auf Jacksons Party. Mach dir einfach nicht weiter Gedanke. Da hat es halt jemand mit der Halloweenshow etwas übertrieben.

20 Minuten zuvor: ich rannte die Straße entlang. Als ich meinen Bruder nach Hause gebracht hatte war hier noch so viel los gewesen! Wo waren die Menschen hin?
Der Himmel hatte eine graue Färbung angenommen und die untergehende Sonne ließ alles gelb aufleuchten. Eine warme Brise fuhr durch meine Haare.
Es waren noch 2 Straßen bis zu Jacksons Haus, doch mich überkam das ungute Gefühl, dass ich es bis dorthin nicht schaffen würde. Was war heute los?! Lag es nur daran, dass Halloween war?
Ganz langsam drehte ich mich um. Ich wollte nach Hause. Jetzt. Ich wollte mich in meinem Bett verkriechen und einfach nur wissen, dass ich in Sicherheit war.
Die Sonne verschwand langsam und ließ eine triste graue Landschaft zurück.
Plötzlich, ein grelles aufblitzen ein Stück die Straße hoch, gefolgt von einem leisen Surren. Ich zuckte zusammen und ein leises Keuchen entwich mir. Ich spürte, wie sich auf meiner Haut Angstschweiß bildete. Meine Hand schlug zitternd gegen den braunen, ausgeblichenen Lattenzaun des Hauses, vor dem ich gerade stand. Ein harmonisches tok, tok, tok, tok, das mich wieder etwas beruhigte.
Dann setzte das Blitzen wieder ein. Einmal leuchtete es, zweimal. Beim dritten Mal blieb es an und ich hätte mir am liebsten die Hand gegen die Stirn geschlagen. Eine Laterne! Ich hatte echt Angst vor einer Laterne gehabt!
Dann knisterte es, die Lampe sprang aus und eine Rauchwolke schlängelte sich dem Himmel entgegen.
Unsicher, ob ich nun nach Hause gehen sollte stand ich da. Die Tür des Hauses, vor dem ich stand, war einen Spalt breit geöffnet. Auch hier grinsten mich orange Kürbisse an. Was war der Sinn davon? Die Dinger sahen einfach nur lächerlich aus! Nichts, was einem Angst machte...
Ich fasste all meinen Mut zusammen und machte einen Schritt auf das Tor des Gartens zu. Mit einer raschen Bewegung schob ich es auf und betrat das Grundstück.
Als wäre es ein Bote des Grauens ertönte aus weiter Ferne ein Donnergrollen.
Die Wegplatte, auf die ich trat wackelte leicht hin und her. Ich schob meinen Fuß weiter. Die Laterne qualmte immer noch und flüssiges Plastik tropfte auf den Weg. Das Teil würde gleich in Flammen aufgehen und jemand sollte die Feuerwehr rufen. Ich atmete einmal tief durch und klopfte dann an die offene Tür.
Ich klopfe erneut, als keine Antwort kam.
„Hallo??“, fragte ich leise, dann noch einmal lauter. Dann schob ich sacht die Tür ein Stück auf. „Hallo?“
Keine Antwort. Totenstille. In mehrfacher Deutung.
Das Vieh sah mich an. Seine Augen glitzerten in einer Farbe, die bei Tageslicht vielleicht blau gewesen wäre.
Ich blieb wie erstarrt in der Tür stehen. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Der Angstschweiß lief mir den Rücken hinunter und dann...
Mit einem Ruck richtete sich das Vieh auf. Es beugte den Kopf mit der blutigen Schnauze zu mir und schnupperte.
Mein Herz setzte einen Schlag aus und dann drehte ich mich um und rannte. Das Vieh ließ den angefressenen Arm fallen und duckte sich, wie ein Raubtier, dass seine Beute im Visier hat.
Ich rannte und rannte und rannte. Meine Lungen brannten. Tränen stiegen mir in die Augen. Was war hier los?! Das Vieh war verschwunden, aber ich gab mich nicht der Illusion hin, dass es weg war.
Eine Dose schepperte über den grauen, von Blättern übersäten Asphalt. Die losen Blätter raschelten. Ein Windstoß zischte durch die kahlen Bäume und ließ ihre knochenartigen Äste schwanken.
Aber da waren wir ja schon.

Jetzt: Es war da, und es war nicht allein gekommen.
Und das bedeutet nur eins: Ich war tot. Ich war schon so gut wie tot.
Die Regenwand erreichte mich, traf mich wie eine echte Wand. Ich wurde nach hinten geschleudert und fiel zu Boden.
Die Leiber rückten unaufhaltsam näher. Näher und näher.
Hunderte, vor Mordlust glitzernde Augen schauten mich an, als wäre ich ein Stück Fleisch.
Ich wimmerte und rutsche auf dem Boden nach hinten. Weg von den Viechern, aber sie kamen immer näher.
Noch 20 Meter.
15 Meter. Die Schnauzen ruckten wild hin und her und ein paar leckten sich mit der Zunge über das blutverschmierte Gesicht.
10 Meter. Ich stieß einen verzweifelten Schrei aus. Mein Herz donnerte und stand kurz vorm zerspringen.
9 Meter. Ich war tot. Ich war tot!
8 Meter. Zwei der Teile ließen sich auf alle Viere nieder.
7 Meter.
6 Meter.
5 Meter.
4 Meter. Eines der Viecher setzte zum Sprung an.
Es traf mich mit voller Wucht und drückte mich hart auf den Boden. Ich schrie und schrie. Anfangs laut, dann nur noch ein leises Wimmern.
Ich hatte Halloween noch nie leiden können.

Gedämpft klangen Stimmen zu mir durch, etwas Feuchtes rann über mein Gesicht. Ich schlug die Augen auf...
… und fing an, wie am Spieß zu kreischen. Ich schlug wild um mich.
Dann kam ich richtig zu mir. Ich war in einem Haus. Einem fremden Haus. Ein Hund leckte mir über das Gesicht und mein Körper war voller Blut.
„Was...?“
Brutal schubste ich den Hunde, der eine gewisse Ähnlichkeit zu den Viechern aus meinem - meinem was? Traum? -  hatte. Aber es hatte sich so real angefühlt!
Ich rappelte mich auf und hielt mich kampfbereit.
Ein dumpfes Poch. Etwas Warmes an meinem Hinterkopf. Mir wurde schwindelig. Ich tastete vorsichtig mit einer Hand meinen Hinterkopf ab. Blut. Ich blutete!
Verwirrt sah ich mich um.
„Ganz ruhig.“
„J...Jackson?“, wisperte ich und Tränen stiegen mir in die Augen.
„Ganz ruhig. Kein Grund zu weinen. Du bist nur auf dem Kunstblut ausgerutscht und ohnmächtig geworden. Der Notarzt ist gleich hier und kümmert sich um deinen Kopf.“
Er hielt mir lächelnd eine Hand hin, als er meinen verängstigten Blick sah.
Dankend nahm ich sie und drückte mich an seine Brust. Hier war ich sicher. Bei ihm war ich sicher.
Sanft schob er mir die Haare hinters Ohr. Ich fing an zu schluchzen.
„Ssssch... Es ist alles gut. Ich bin ja da.“
Ich bin ja da.
Ja, er war da.
Alles war in bester Ordnung.



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